weißes papier – recherche

hier berichtet konradin kunze von seiner recherchereise in den südsudan für das theaterstück "weißes papier" am theater bremen/moks

der traum ist tot

angesichts vermehrter todesdrohungen durch angehörige der staatlichen sicherheitsdienste hat nhial bol aken, gründer und chefredakteur der südsudanesischen tageszeitung the citizen und des fernsehsenders CTV angekündigt, sich nicht mehr journalistisch betätigen zu wollen. die entscheidung ist mir nicht leichtgefallen, sagte bol dem sudan tribune. dennoch seien er und seine familie zu dem schluss gekommen, dass er nicht weitermachen könne – um seiner sicherheit willen. jahrelang hatte er für eine freie presse im südsudan gekämpft. ich habe viel ertragen, weil ich diesen traum verfolgt habe, so bol, aber jetzt ist der traum tot.

the citizen muss arbeit einstellen


am 04/08/2015 erhielt nhial bol aken, chefredakteur des citizen vom nationalen sicherheitsdienst die anweisung, die tageszeitung und den fernsehsender CTV zu schließen. gründe wurden seitens der behörden nicht genannt. nhial bol vermutet, die maßnahme stehe in zusammenhang mit einem meinungsartikel, in dem die bürgerkriegsparteien aufgefordert wurden, das ausgehandelte friedensabkommen zu unterzeichnen. am 19/08/2015 wurde der journalist und ehemalige citizen-mitarbeiter moi peter julius von unbekannten auf offener straße erschossen, wenige tage nachdem präsident salva kiir eine indirekte todesdrohung gegenüber journalisten aussprach. pressefreiheit bedeutet nicht, gegen das land zu arbeiten, sagte kiir in juba, falls einige journalisten nicht wissen, dass in diesem land menschen getötet werden, demonstrieren wir es ihnen eines tages. auf massiven internationalen druck hat präsident kiir heute das friedensabkommen mit seinem rivalen riek machar unterzeichnet.
der citizen musste inzwischen alle mitarbeiter entlassen.

nhial bol in berlin

nhial bol, gründer der tageszeitung the citizen, ist am 10/12/2014 bei reporter ohne grenzen in berlin zu gast. mit roman deckert spricht er über die situation der presse im südsudan.

podiumsgespräch mit reporter ohne grenzen

im anschluss an die vorstellung von „weißes papier“ am theater bremen am 12/11/2014 findet ein podiumsgespräch mit christoph dreyer von reporter ohne grenzen statt.

wiederaufnahme am theater bremen

weißes papier - nassir„weißes papier“ ist ab oktober wieder am theater bremen zu sehen. termine:
21/10/2014, 10:30 h
23/10/2014, 10:30 h
24/10/2014, 10:30 h
10/11/2014, 10:30 h
12/11/2014, 20:00 h
25/11/2014, 20:00 h

weißes papier videotrailer

weißes papier – uraufführung am theater bremen

ein neues stück von konradin kunze. uraufführung am 26/04/2014 am theater bremen.

 fotos: léa dietrich

„beeindruckendes stück ohne sentimentalität. einer der intensivsten und spannendsten abende am theater bremen.“ – kreiszeitung
„spannend inszeniert. intensiver abend, der viel diskussionsstoff bietet.“ – weser kurier
„bloß nicht verpassen! authentisch gespielt. voller wucht.“ – bild
(mehr)

Weißes Papier

probenstart am theater bremen

heute beginnen die proben zu „weißes papier“ am theater bremen. premiere ist am 26/04/2013. karten und weitere termine hier.

presse in zeiten des konflikts

wann immer in der vergangenheit der schwelende machtkampf zwischen dem südsudanesischen präsidenten salva kiir und seinem damaligen vizepräsidenten riek machar zu eskalieren drohte, wurde druck auf die presse ausgeübt. so schilderte es mir nhial bol, chefredakteur der tageszeitung the citizen und des fernsehsenders CTV, im september. in diesen phasen wurden die journalisten oft bedroht oder kurzzeitig festgenommen, wenn sie über machar berichteten. dass die entlassung des vizepräsidenten machar (und mit ihm des gesamten kabinetts und teilen der parteiführung) im juli gewaltfrei ablief, hat viele überrascht. doch mitte dezember kam es auf einer versammlung der splm-parteiführung zum offenen konflikt und kurz darauf zu gefechten innerhalb der präsidentengarde. berichten zufolge zogen anschließend bewaffnete männer durch jubas stadtviertel und erschossen hunderte menschen, die meisten angehörige der community der nuer, der auch riek machar angehört. der präsident verhängte eine nächtliche ausgangssperre und erklärte die ereignisse mit einem versuchten staatsstreich des ehemaligen vizepräsidenten.

manche beobachter bezweifeln diese darstellung und vermuten, salva kiir habe die gelegenheit genutzt, um gegen machar und seine verbündeten vorzugehen. machar hatte angekündigt, 2015 bei den präsidentschaftswahlen gegen kiir anzutreten. während in juba viele nuer vor den gefechten in die un-basis flüchteten, erklärte der untergetauchte machar, es habe keinen coup gegen kiir gegeben. nun kämpfe er aber mit seinen getreuen, bis kiir das präsidentenamt aufgebe. teile der armee und einige gouverneure schlossen sich machar im kampf gegen die kiir-treue armee an. in bor und anderen städten unter machars kontrolle kam es laut berichten ebenfalls zu massakern an zivilisten, diesmal vorwiegend an der community denen salva kiir angehört, den dinka. auch hier suchten tausende schutz in den un-camps, während die meisten länder, auch deutschland, ihre landsleute vor dem drohenden bürgerkrieg evakuierten.

die von den konfliktparteien vor kurzem unterzeichnete waffenruhe ist brüchig. die lage in der hauptstadt juba, wo die meisten medien ihren sitz haben, ist angespannt, aber ruhig. wie schwierig in dieser situation die arbeit der freien presse ist, lässt sich nur erahnen. von den journalisten in umkämpften städten ganz zu schweigen. manche journalisten haben ihre arbeit aufgegeben, andere berichten nun aus den nachbarländern, wo sie der (selbst-)zensur entgehen können. einige nutzen die sozialen medien um zu berichten. in der netzzeitung the niles fasst zeinab mohamed salih die probleme der freien presse in zeiten des konflikts zusammen: conflict and censorship hamper south sudanese journalists. einen guten überblick auf deutsch gibt es hier.

in einem gespräch in london sagte heute der frühere informationsminister und jetzige außenminister südsudans, barnaba marial benjamin, zur lage der presse in seinem land, keine zeitung habe schließen müssen, was wollen sie mehr?

kämpfe im südsudan

bei kämpfen zwischen der armee und kämpfern um den ex-vizepräsidenten riek machar sind im südsudan schätzungen  zufolge mehr als 10000 menschen umgekommen. ausländer wurden vor dem drohenden bürgerkrieg evakuiert. knapp eine million südsudanesen sind auf der flucht, während sich die die friedensverhandlungen in addis abeba zwischen den rebellen und der regierung hinziehen. meine gedanken sind bei allen menschen, die ich dort vor wenigen monaten getroffen habe.

the niles

spirit of journalism

atergarangbetritt man die aus einem einzigen raum bestehende redaktion des citizen am nachmittag, sieht man eine handvoll junger menschen konzentriert vor wenigen bildschirmen sitzen. um 17 uhr ist redaktionsschluss, die artikel der reporter werden von den redakteuren korrigiert und anschließend an den fürs layout zuständigen mitarbeiter weitergeleitet. auch die – meist älteren – herren, die regelmäßig meinungsartikel schreiben, kommen um diese zeit zum citizen, um ihre texte auf usb-sticks abzugeben. der layouter muss dann sehen, wie er die texte, die werbeanzeigen und offiziellen bekanntmachungen auf den 16 seiten der tageszeitung unterbringt. dabei kann es schon mal vorkommen, dass der letzte satz eines artikels fehlt, wie beim letzten meinungsartikel von atem yak atemdon’t mix! ermahnt die junge reporterin palma charles den layouter, der facebook-nachrichten liest, während er auf den redigierten artikel des nachrichtenredakteurs wartet, sonst machst du wieder fehler. gerade erst hat der citizen seinen verkaufspreis von zwei auf drei südsudanesische pfund erhöht, zum ärger einiger stammkunden und abonnenten. in der letzten ausgabe stand dann aber wieder der alte preis auf der titelseite. für das folgenschwere versehen muss der layouter nun drei tage auf sein gehalt verzichten. IMG_1211neu
die derzeit fünf reporter können weitgehend eigenständig entscheiden, über welches thema sie berichten. einteilungen in ressorts gibt es nicht. jeder berichtet über alles, von sport über verbrechen bis zu politik. fast alle journalisten des citizen sind in anderen ostafrikanischen ländern zur schule gegangen und haben dort studiert oder studieren noch. viele sind in flüchtlingslagern in kenia oder uganda aufgewachsen. manche sind dort geboren, so wie nyabol grace, die parallel zu ihrem jurastudium in kampala für die zeitung als freie mitarbeiterin schreibt. ihre familie versteht nicht, warum sie diesen job macht und wünscht sich, sie würde sich auf ihre karriere als rechtsanwältin konzentrieren. du hast nicht mal zeit, um bücher zu lesen. du verdienst kaum geld. du liegst uns auf der tasche, du verwirrst dich selbst, zählt die erst 19-jährige nyabol die einwände ihrer mutter auf. aber journalismus ist etwas, das ich wirklich liebe. außerdem bin ich jemand, der alles ausprobieren muss. und ich mache meine arbeit gut und es gefällt mir.
wen man beim citizen auch fragt, warum sie oder er hier arbeitet, man erhält eine nahezu identische antwort. es geht darum, das land nach vorne zu bringen, die gesellschaft zu informieren. ich habe beim citizen nicht wegen geld angefangen, sagt auch der 30-jährige ater garang ariath, der einzige unter den reportern, der noch aus dem gründungsteam dabei ist. wenn wir eine informierte gesellschaft haben wollen, dann müssen wir den leuten natürlich informationen geben, damit sie überhaupt entscheidungen treffen können. nyabol grace sieht es ähnlich: wir sind augen und ohren der menschen im südsudan. was wir hören, erzählen wir ihnen. was wir sehen, zeigen wir ihnen. du informierst die leute darüber, was deiner meinung nach falsch läuft, du informierst sie, was deiner meinung nach dem land helfen würde. gerade weil das land noch jung ist fühlen sie sich berufen, auf diese weise am staatsaufbau zu helfen. das schließt kritik an der regierung mit ein, wie ater garang betont: die leute haben hohe erwartungen an die regierung. wenn die regierung sich falsch verhält, warum sollten wir nicht sagen, dass sie sich falsch verhält? ich glaube an die presse als vierte säule des staats. also ist unsere rolle sicherzustellen, dass die regierung ihrem mandat entsprechend handelt.
IMG_1092das problem ist, dass viele in der regierung, besonders in den unübersichtlichen und kaum kontrollierten sicherheitsorganisationen die rolle der medien nicht akzeptieren. die regierung ist ignorant, beschreibt nyabol grace, nicht weil die politiker die rolle der medien nicht kennen. sie kennen sie genau. sie fürchten, wenn sie der presse freiheit geben, wird sie ihre regierung stürzen. auch viele einfache leute tun sich noch schwer mit den journalisten, erzählt sie: viele sind immer noch analphabeten, sie verstehen nicht, was journalismus bedeutet, was die rolle der medien ist. doch selbst wenn sie den citizen kennen, zögern sie häufig, informationen weiterzugeben, aus furcht vor konsequenzen. die tief verwurzelte angst vor der obrigkeit aus der zeit vor der unabhängigkeit steckt vielen noch in den knochen. und leider wurden viele mechanismen vom sudanesischen regime übernommen, von dem man sich doch endlich befreit hat. aber das alles darf einen journalisten nicht einschüchtern, glaubt nyabol grace: man muss weiter und weiter und weiter kämpfen, bis man bekommt, was man will. allerdings überlässt sie sehr heikle themen anderen in der zeitung, man weiß, wenn man die berührt, das ist dein ende. auch von den kriegen, die in manchen bundesstaaten immer noch toben, will sie lieber nicht berichten, gesteht sie: ich bin halt ein feigling. bis jetzt komme ich damit nicht klar. dann gehst du dahin und wirst einfach so umgebracht. aber ich will nicht sterben, jeder will leben. oder vielleicht hast du etwas getan, dass dich der geheimdienst ins gefängnis bringt. dann wirst du gefoltert und alle sind gegen dich, du wirst verfolgt, weil sie denken, du störst sie. das sind dinge, vor denen ich mich manchmal fürchte. aber ich liebe es journalistin zu sein, weil ich für die rechte der menschen kämpfen will. ater garang sieht das etwas anders: als journalist kannst du nicht vor problemen wegrennen. es gibt keinen journalisten im südsudan, der von sich behaupten kann, niemals von irgendwem bedroht worden zu sein. auch er selbst wurde schon festgenommen und musste stunden ohne erklärung auf der polizeiwache verbringen, nur weil er einen verkehrsunfall fotografiert hatte. obwohl sich viele kollegen nach dem immer noch unaufgeklärten mord am politischen kommentator isaiah abraham sorgen machten, gibt sich ater garang furchtlos: wenn ich vom geheimdienst oder der regierung umgebracht werde, weil ich sie kritisiere, dann werde ich selbst geschichte schreiben. man wird sich an mich erinnern, der und der journalist wurde dann und dann deshalb umgebracht.
IMG_1096auch der karikaturist des citizen, adija acuil adija, berichtet von einschüchterungen durch sicherheitskräfte. auf einer zeichnung hatte er die machtfülle eines politkers kritisiert, der nicht nur justizminister werden sollte, sondern seinen alten posten als rechtsberater des präsidenten behalten sollte. daraufhin gaben unbekannte adija acuil zu verstehen, dass sie seinen weg zur arbeit genau kennen. selbst chefredakteur nhial bol empfahl ihm, diesen politiker vorerst nicht weiter zu kritisieren, weil ich keine leibwächter habe, die mich beschützen könnten, sagt adija acuil, seither komme ich immer auf unterschiedlichen routen zur arbeit. der minister wurde aber schließlich vom parlament abgelehnt.
so überzeugt sie auch jetzt von ihrer aufgabe sein mögen, nicht für alle beim citizen war journalist der traumberuf. ich wollte eigentlich kein journalist werden, sagt einer, aber dann habe ich meine meinung geändert. als flüchtling im kongo und später in uganda habe sich seine familie immer vor dem radio versammelt, um auf BBC die neuesten nachrichten aus der umkämpften heimat zu hören. irgendwann habe er sich gefragt: warum hören wir nur von den internationalen medien über unser land? was ist mit unserer eigenen presse? gibt es niemanden unter unseren leuten, der über unser eigenes land berichtet? deshalb entschied er sich für ein journalistikstudium. IMG_1094
nyabol grace weiß noch nicht sicher, ob sie als journalistin weitermachen wird. da ist auf der einen seite das jurastudium, auf der anderen seite die musik und die schauspielerei. ruhm kann sie in all diesen bereichen erlangen, das ist ihr wichtig: wenn du berühmt bist, kannst du viele leute motivieren. ich möchte eine berühmte frau sein, zu der alle aufschauen. schon als schülerin saß sie begeistert vor dem fernseher und unterhielt sich mit dem moderator der nachrichten, auch wenn der ihr naturgemäß nicht antworten konnte. im internat in kampala, uganda, durfte sie als vertrauensschülerin in der umgebung recherchieren und in der schülerzeitung darüber berichten. das gab mir das vertrauen, dass ich auch mein land verändern kann, sagt sie, ich wollte so eine journalistin sein, die immer stark ist und für die rechte der leute kämpft, die sich dafür einsetzt, dass die dinge so laufen, wie sie laufen sollen. dafür nimmt sie auch in kauf, dass sie als freischaffende mitarbeiterin nur bei veröffentlichung bezahlt wird. zwischen zehn und dreißig südsudanesische pfund bekommt sie pro artikel. die an- und abreise mit dem matatu, dem kleinbus, kostet alleine zehn pfund und dauert zweieinhalb stunden. erscheint der citizen wegen schwierigkeiten mit der druckerpresse mal wieder nicht, zahlt sie drauf. trotzdem  geht sie jeden abend nach hause und überlegt, über welches thema sie morgen berichten wird: was ist die größte herausforderung für unser land? was sind die schwierigkeiten der leute? was sollte die regierung tun? weil wir nicht das interesse an unserem land verlieren dürfen. wenn wir alles einfach so lassen, ist das das ende.
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auch ater garang ariath hat sich schon früh in der rolle des journalisten geübt. er wuchs in northern bar el gazal auf, einem gebiet, das zur zeit des bürgerkriegs in der hand der befreiungsarmee SLPA war. als junge schloss er sich der armee an und besuchte eine provisorische grundschule unter bäumen, wie er es nennt. er war zu jung für den kampf mit der waffe, aber ein lehrer motivierte ein paar schüler, einen journalistenclub zu gründen: ich war ein ‚reporter‘. ich lief zur frontlinie und sammelte informationen über den kampf der spla, dann schrieb ich sie auf und gab sie den ’nachrichtensprechern‘. die saßen dann vor den leuten an einem tisch und präsentierten die neuigkeiten. die miliz ermöglichte ihm später, auf die weiterführende schule im flüchtlingslager kakuma zu gehen. sie organisierten den transport quer durchs land nach kenia. im flüchtlingslager gab es ein monatliches magazin, das kakuma news bulletin, für das er kleine berichte verfasste. sofort nachdem er 2009 in den südsudan zurückkehrte, bewarb er sich beim citizen. während die meisten der damaligen mitarbeiter inzwischen für die regierung, besser zahlende magazine oder internationale organisationen arbeiten, blieb er seiner zeitung aus überzeugung treu. für seine loyalität wurde er mit dem posten des senior reporter  belohnt. die meiste zeit berichtet er als korrespondent aus wau, der zweitgrößten stadt des südsudan, wo er in diesem jahr sein lehramtsstudium abschließt. CTV, der neue fernsehsender des citizen, reizt ihn nicht als arbeitsstätte. vielleicht auch wegen seines stotterns konzentriert er sich ganz aufs schreiben: schreiben ist eines der wichtigsten dinge. irgendwann werde ich viele bücher schreiben. mein erstes buch wird davon handeln, wie ich teil der medienwelt wurde, damit auch andere dazu motiviert werden. er glaubt an den citizen und dessen motto fighting corruption and dictatorship everday. an der weise, wie ater garang everyday betont, spürt man seine ausdauer. wenn man als journalist arbeiten will, sollte man nicht weggehen. man sollte bleiben, bis sich die lage der medien entwickelt hat. dann ist man einer der pioniere, ergänzt er lachend. wir haben für die unabhängigkeit gestimmt. es kann nicht die lösung sein, kritische journalisten umzubringen. die lösung ist, dass sich die regierung um die belange der leute kümmert. bis dahin wird er weiter schreiben.

video druckerpresse des „citizen“

fighting corruption and dictatorship everyday

nhialbolaken

nhial bol aken ist vielbeschäftigter mann. neben der ersten und einzigen englischsprachigen tageszeitung the citizen unterhält er seit ende 2012 mit CTV (citizen television) auch den ersten privaten fernsehsender des jungen staats südsudan. während andere südsudanesische zeitungen und magazine im ausland drucken lassen, besitzt er die einzige funktionierende druckerpresse des landes. zwar hat auch die regierung eine presse gekauft, aber bis jetzt konnte sie noch nicht zum laufen gebracht werden. nhial bol hat die alte presse über einen deutschen händler in belgien erstanden. freunde liehen ihm geld, eine bessere maschine hätte er in l’aquila in italien bekommen können, doch das dortige erdbeben von 2009 zerstörte nicht nur leben und häuser, sondern auch diese möglichkeit. die jetzige presse war eher eine notlösung. die maschine ist nicht für den zeitungsdruck ausgelegt, sondern für bücher, sagt bol. deshalb müssen die drucker nacht für nacht die seiten ineinanderlegen. auch mit dem leichteren zeitungspapier hat die presse ihre schwierigkeiten, es kommt immer wieder zu papierstaus.

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schon als der citizen 2005 in khartoum gegründet wurde, zeichnete sich die unabhängigkeit des südsudan ab. bald eröffnete nhial bol ein büro in juba und ließ sich auch nicht mehr bei den im sudan vorgeschriebenen kontrollsitzungen blicken, bis sich das team in juba vom citizen in khartoum abspaltete und schließlich ganz unabhängig vom verhassten norden berichten konnte. die bedingungen waren anfangs denkbar schwierig. es gab zunächst nur eine handvoll mitarbeiter und ein kleines büro, das nachts zum schlafzimmer umfunktioniert wurde. dann stellte der bundesstaat central equatoria (in dem juba liegt) dem citizen das gelände zur verfügung, auf dem die druckerei, die redaktion und das fernsehstudio heute liegen. damals gab es aber nur eine hütte mit strohdach und einen kleinen generator, für den oft der diesel fehlte. um das internet zu nutzen, mussten die mitarbeiter mit ihren laptops bis ins UN-quartier laufen. irgendwann standen dann auch die container mit der druckerpresse auf dem gelände, doch es sollte noch lange dauern, bis die halle fertiggestellt, ein leistungsfähiger generator installiert und die maschine druckbereit war. die erste in juba gedruckte ausgabe erschien am 09/01/2011, dem ersten tag des referendums über die unabhängigkeit des landes. die folgenden ausgaben feiern die künftige unabhängigkeit und sind voller meinungsartikel mit namensvorschlägen für den zu gründenden staat. mittlerweile ist die zeitung für viele zur unverzichtbaren nachrichtenquelle geworden. allerdings bleibt ein großteil der ein paar tausend exemplare starken auflage in der hauptstadt. printed in jubadem land mangelt es an geeigneter infrastruktur für den zügigen transport. abgesehen davon können nur etwa 20 prozent der bevölkerung lesen und statt der amtssprache englisch ist juba-arabisch weit verbreitet.

oft muss sich der citizen auf dem titelblatt für das nichterscheinen voriger ausgaben entschuldigen. mal gibt es probleme mit der presse, mal mit dem generator, oder die lieferung des druckerpapiers bleibt an der ugandisch-südsudanesischen grenze hängen. falls der citizen mal wieder nicht erscheint oder CTV nicht sendet, muss das aber nicht nur technische oder logistische gründe haben. es könnte auch an einem regierungskritischen artikel liegen. mehrfach wurden zeitungsmitarbeiter bedroht, von sicherheitskräften eingeschüchtert und für stunden oder tage ohne anklage oder konkreten vorwurf einer straftat festgenommen. im mai diesen jahres, auf dem höhepunkt des machtkampfs zwischen dem präsidenten salva kiir und seines damaligen vize-präsidenten riek machar, stürmte ein geheimdienstmitarbeiter mit gezogener waffe die redaktion und forderte, nicht mehr über den vize-präsidenten zu berichten. kurz darauf sollten die zeitung und der fernsehsender geschlossen werden. nhial bol kam dem zuvor und entschied sich, citizen und CTV für einige tage selbst zu schließen. hätten sie [die sicherheitsorgane] alles abgeschaltet, hätten sie nicht die notwendigen vorgaben eingehalten, zuerst muss die notstromversorgungseinheit und die sendeanlage abgeschaltet werden, bevor man den rest herunterfährt, erklärt bol. seinen mitarbeitern erzählte er, sie müssten aus verwaltungstechnischen gründen ein paar tage zu hause bleiben. wegen der massiven drohungen erwog nhial bol, ins exil zu gehen. IMG_1102weil die regierungsumbildung friedlich vonstatten ging, konnte er bleiben. ein anderes mal entkam er nur knapp einem anschlag. ich hatte den damaligen innenminister als unerfahren bezeichnet, weil er keine ausbildung hat. er hat nie bei der polizei oder in einem ähnlichen system gearbeitet,  berichtet bol, mein artikel hat ihn verärgert. nach erscheinen des artikels verprügelten betrunkene sicherheitskräfte einen mitarbeiter, der bols auto fuhr. sie hielten ihn für bol: als sie ihn zu den auftraggebern schleppten, sagten die: „ihr habt den falschen mann gebracht“.
etliche gerichtsprozesse hat nhial bol schon überstanden. meistens wurde ihm vorgeworfen, politiker fälschlicherweise der korruption bezichtigt zu haben. alle bis auf einen hat er gewonnen. der endete mit einer symbolischen strafe. auch heute liegt wieder ein schreiben eines anwalts auf seinem schreibtisch, der eine entschuldigung für seinen klienten, den sprecher des senats, fordert. im citizen wurde diesem vorgeworfen, rechnungen aufgeblasen und die differenz kassiert zu haben. dafür haben wir ausreichende beweise, sagt bol. er hat den leitspuch der zeitung nicht umsonst gewählt: fighting corruption and dictatorship everyday steht unter dem logo des citizen mit den zwei nashörnern anstatt der i-punkte. korruption ist die hauptursache unserer schwierigkeiten, glaubt er, selbst die zwei bürgerkriege im sudan führt er ursprünglich darauf zurück: der kampf zwischen den armee-einheiten begann meines wissens, weil gehälter unterschlagen wurden. auch im neuen südsudan wird das problem der korruption weiter bestehen, ist sich bol sicher, wenn wir nicht dagegen vorgehen, bis wir korrekte abläufe als regierungsprinzip durchgesetzt haben. dafür müssen wir kämpfen. aber es ist nicht einfach.citizen

trotz aller hindernisse ist er zuversichtlich, was die zukunft des citizen angeht. und er hat pläne: wenn alles gut geht, haben wir in zwei bis drei monaten eine neue second-hand druckerpresse. als nächsten schritt will er CTV ausbauen und per satellit senden. danach will er ein trainingszentrum für journalisten aufbauen. ein größeres stück land außerhalb von juba ist schon in aussicht. die meisten südsudanesischen journalisten haben in den nachbarländern studiert. für bol, selbst in großbritannien zum journalisten ausgebildet, ist das mittelfristig keine lösung: wir müssen damit anfangen. wir wollen eine medienakademie gründen, die sich später zu einer universität entwickeln kann. nur so können wir unsere aktivitäten erfolgreich fortsetzen, sagt der medienmacher und eilt zum nächsten termin.

minister wider willen

atemyakatemals die republik südsudan am 09. juli 2011 ihre unabhängigkeit erklärte und präsident salva kiir seine regierung vorstellte, war mit dem vize-minister für information und medien auch ein ausgewiesener experte dabei: atem yak atem hat in großbritannien journalistik studiert, ein eigenes wöchentliches magazin herausgegeben und – das machte ihn wohl in den augen der poltiker gewordenen rebellen besonders glaubwürdig – er hat während des bürgerkriegs sehr erfolgreich radio-propaganda für den kampf der SPLM gegen das regime in khartoum betrieben. er war der politik gegenüber skeptisch eingestellt, doch viele freunde drängten ihn, den posten des vize-ministers anzunehmen. bald schon wich die skepsis der frustration, die meisten regierungsverantwortlichen waren und sind gegen eine positive veränderung zugunsten journalistischer arbeit. in seiner amtszeit wurde die verabschiedung des mediengesetzes, das die pressearbeit auf eine rechtliche grundlage stellen sollte, immer weiter hinausgezögert. es war sehr schwierig, ich musste meine eigene meinung unterdrücken und der regierungslinie folgen, beschreibt yak atem seine zeit im ministerium, meinungs- und pressefreiheit sind in der verfassung garantiert, aber in der praxis sieht das ganz anders aus. immer wieder versuchte er zu intervenieren, wenn wieder einmal journalisten von mitarbeitern des geheimdienstes belästigt oder festgehalten wurden. mehrfach gab es treffen zwischen pressevertretern und den sicherheitsorganen, bei denen sich beide seiten zur zusammenarbeit bekannten. aber sobald das treffen vorbei war, machten sie wieder weiter wie zuvor, beklagt yak atem, ich glaube auch nicht, dass sich das bald ändern wird. das problem liege vor allem in der haltung einzelner sicherheitsleute, die die rolle der medien nicht akzeptierten. sie interpretieren jede kritik als angriff auf die regierung, statt die gemeinschaftliche aufgabe der staatsbildung anzuerkennen. den protest anderer staaten oder internationaler organisationen bei jedem vorkommnis sieht er jedoch kritisch, denn druck von außen könne eine nationalistische trotzreaktion auslösen, die die situation sogar verschlimmere. wenn wir belehrt werden von jemandem aus washington oder berlin, fragen wir uns, was ist deren interesse? wir kommen ja gerade aus dem krieg, das westliche konzept von freiheit könnte hier nicht immer vollständig anwendbar sein. missbrauch von medien kann auch schlimme folgen haben, wie beispielsweise in ruanda, so yak atem in bezug auf den völkermord an den tutsi, der auch durch hassreden im radio provoziert wurde. medien könnten die bestehenden vorurteile zwischen einzelnen bevölkerungsgruppen vertiefen, diese gefahr sieht er auch im südsudan, also sollten wir uns darauf bauen, was uns verbindet, und vermeiden, was uns trennt.

atem yak atem als vize-minsiter und barnaba marial benjamin als minister für information und medien (2011). benjamin ist nun außenminister des südsudan.

seit präsident kiir im juli diesen jahres seine gesamte regierungsmannschaft entließ, ist atem yak atem wieder ein freier mann und kann sich auf seine journalistische arbeit konzentrieren. er wird bald wieder sein magazin the pioneer herausgeben. neben der oft verzerrt dargestellten geschichte des südsudan und der analyse der aktuellen politischen lage soll das wochenblatt auch vielversprechende junge menschen z.b. aus der kultur portraitieren und sich umweltthemen widmen. eine zeitung zu gründen sei eigentlich einfach, so yak atem, man braucht nicht viel geld, für ein büro und ein paar computer, werbeanzeigen decken die laufenden kosten. ein problem sei der druck, schränkt er ein. am anfang musste er die zeitung teuer in kenia drucken und einfliegen lassen, etwas billiger ist es in uganda, weil die zeitung auf dem landweg transportiert werden kann. ein freund hat ihm nun die ersten monatsmieten für ein neues büro bezahlt, ein solarsystem wird auf dem dach installiert. jetzt fehlen noch möbel und geld für einen funktionierenden internetanschluss (was in juba nicht einfach ist) und vor allem: reporter. ich möchte nicht nur aus juba berichten, juba ist nicht südsudan. ich brauche nachrichten aus allen regionen, sagt yak atem, das ist mein problem. die meisten reporter wohnen hier in juba und berichten nur über ereignisse in der hauptstadt, über das parlament und die regierung. mit der will atem yak atem in nächster zeit nichts mehr zu tun haben. die drei jahre haben ihm gereicht.

eine nacht zwischen diesel und papier

eine ganz normale nacht in der druckerei des citizen, der einzigen tageszeitung des südsudan. in bildern:

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21.45 h: ich komme in der druckerei des citizen an, ein etwas angetrunkener aber freundlicher william empfängt mich und erklärt, dass sie ein problem mit der belichtungsmaschine haben und deshalb noch nicht drucken können. das layout ist aber schon fertig.

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22.34 h: eigentlich hätten die platten schon um 20 h belichtet werden sollen. ein schnell gerufener elektriker, spezialist für die alten maschinen der druckerei, organisiert zwei autobatterien und setzt die belichtungsmaschine in gang. nassir beginnt mit seiner arbeit.

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22.43 h: die erste belichtungsplatte ist fertig für die druckpresse.

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0.22 h: papierstau in der faltkammer

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0.58 h: noch immer ist keine ordentlich bedruckte seite aus der presse gekommen. die walzen stehen still.

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1.22 h: die ersten seiten sind gedruckt, jetzt muss die papierrolle ausgewechselt werden. das papier wird in uganda gekauft und per lkw über die grenze gebracht. hergestellt wurde es in finnland.

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2.56 h: es läuft wieder. die drucker kontrollieren die qualität.

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3.02 h: die drucker ärgern sich über diesen meinungsartikel. verständlicherweise.

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3.15 h: die frontseite ist auch gedruckt, die einlage wird per hand einsortiert.

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4.05 h: geschafft.

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6.33 h: die zeitungsverkäufer drängeln sich am tor. ein paar bleiben enttäuscht zurück, die auflage hätte höher sein können.

 

 

der alte mann und die zeitung

viktorkeriwaniich habe keine schwierigkeiten, dem fahrer des boda-boda (motorradtaxi) mein ziel zu erklären: der citizen, die einzige tageszeitung des südsudan, ist allseits bekannt. im kleinen empfangshüttchen sitzen zwei junge männer und blicken auf einen fernseher, auf dem citizen television (CTV) läuft. im dezember letzten jahres hat nhial bol aken, chefredakteur des citizen, neben der zeitung auch den ersten privaten fernsehsender gestartet. druckerei, redaktionsräume und fernsehstudio befinden sich in einer handvoll kleiner gebäude auf einem sehr überschaubaren gelände.
ich werde durch einen raum mit ein paar tischen, stühlen und computern geführt – die redaktion. am ende befindet sich eine tür zu einer seperaten kammer: zwei sofas, ein kleiner schreibtisch, dahinter papierstapel und ein freundlicher, älterer herr, der ganz hinter dem bildschirm seines computers verschwindet. victor keri wani ist stellvertretender chefredakteur des citizen und wichtigster partner von nhial bol. seit dem start von CTV ist er de facto hauptverantwortlicher für die zeitung. anfang des jahres hatte dieses büro noch ein strohdach, sagt er lächelnd. jetzt schützt ein wellblech das herz der südsudanesischen presse vor dem wasser, das in der regenzeit die straßen jubas in schlammbäche verwandelt. victor keri wani ist der älteste und erfahrenste unter den mitarbeitern des citizen. er leitet die redaktionssitzungen, verteilt die aufgaben, redigiert die artikel, schreibt täglich den leitartikel. eigentlich müssten diese aufgaben auf mehrere schultern verteilt werden, aber der citizen ist personell unterbesetzt. ausgebildete journalisten sind rar im südsudan, also ist man beim citizen dazu übergegangen, die redakteure selbst fortzubilden. die talentierten werden aber schnell abgeworben, z.b. von firmen oder internationalen organisationen, die bessere gehälter anbieten können.
citizen paperszum citizen kam victor keri wani auf einladung nhial bols vor dem referendum 2011, als der südsudan mit überwältigender mehrheit für die unabhängigkeit vom norden stimmte. die beiden kennen sich aus khartoum, wo sie gemeinsam für den khartoum monitor arbeiteten, bis die zeitung von den dortigen sicherheitsbehörden geschlossen wurde. nhial bol ist ein sehr hart arbeitender mann, er widmet all seine kraft und zeit der arbeit für den citizen, sagt keri wani. er selbst kann auf eine langes journalistenleben zurückblicken. schon als kind entschied er sich für diesen beruf, als sich 1958 ein britischer reporter auf einem motorrad in sein dorf verirrte und vor dem haus der zweitfrau seines vaters halt machte, um einen bericht über die töpferarbeiten zu schreiben. damals erzählte ich allen: ich werde ein journalist wie er und vielleicht werde ich auch so ein motorrad haben und mit einer großen kamera herumfahren, erinnert sich keri wani. als schüler beobachtete er später, wie sich in seinem flüchtlingsheim alle um ein radio drängten, um die neueste musik und nachrichten zu hören. er hatte das gefühl, dass etwas fehlt. also begann er, teils fiktive geschichten aufzuschreiben und an die wände zu heften. die leute blieben vor seiner wandzeitung stehen, um sie bis zum ende zu lesen. da wurde ihm klar, dass er mit dem schreiben weitermachen sollte: wären die geschichten uninteressant gewesen, wären die leute einfach weitergegangen. aber das war nicht der fall.
IMG_1076journalisten, die bei ausübung ihres berufs sterben, bewundert er. einmal war er selbst kurz davor. damals war er direktor von radio juba. die angestellten streikten, und obwohl er nicht am streik teilnahm, wurde er verhaftet und in eine zelle gebracht. aber sie ließen die zellentür offen, erzählt er. ein wärter flüsterte mir zu, geh nicht pinkeln! also wiederholte ich in meinem kopf immer wieder: geh nicht pinkeln, geh nicht pinkeln. vor der zelle wartete ein mann mit einem gewehr. mehrfach forderte er keri wani auf, pinkeln zu gehen. ich sagte ihm, ich muss nicht pinkeln. ich wusste, dass etwas faul ist. erst am abend verschwand der bewaffnete. später erfuhr er, dass es ein angehöriger des geheimdienstes war, der ihn beim gang auf die toilette von hinten erschossen hätte. eine kugel im rücken galt als beweis, dass es sich um einen fluchtversuch handelte.
auf den jetzigen geheimdienst angesprochen, der mehrfach gegen den citizen und nhial bol vorgingen, spricht victor keri wani von missverständnissen. einige hätten keine ahnung von der rolle der medien. er will die situation aber nicht mit der im alten sudan vergleichen. so lange ich hier an diesem schreibtisch sitze, ist noch keiner gekommen, um mir zu sagen, was ich schreiben soll, so keri wani, um dann einzuschränken, vielleicht auch wegen meines alters. lange will er allerdings nicht mehr weitermachen, er ermutigt die jüngeren mitarbeiter, verantwortung zu übernehmen. doch sollte nhial bol eines tages aufgeben, wie er nach einer erneuten konfrontation mit den sicherheitsorganen kürzlich androhte, würde der citizen aufhören zu existieren, da ist sich keri wani sicher. er blickt dennoch hoffnungvoll in die zunkunft: in zehn jahren wird der citizen ein großes medienunternehmen sein, mit mehreren radiosendern neben dem ferhnsehkanal und buchpublikationen und vielem mehr… aber dann werde ich nicht mehr dabei sein, sagt er und verschwindet wieder hinter seinem computer.

still on the run

jon pen

ich treffe john penn de ngong in einem dunklen hotel an der straße zwischen entebbe und kampala. eben war es noch sonnig, plötzlich prasselt ein gewaltiger regenguss auf das hoteldach. jon pen erklärt mir gleich, dass ich in juba kon kun heißen würde. beides seien gebräuchliche dinka/nuer namen. kon bezeichne einen enterbten sohn (trifft nicht auf mich zu), kun ist der name für den letztgeborenen (trifft auf mich zu). jon pen scheint schnell zu verstehen, um was es mir geht und fängt sofort an zu erzählen: über seinen ärger über die regierung im südsudan, über seine flucht aus juba und zuletzt aus nairobi und über die schwierigkeiten hier in kampala. neben der im letzten blogbeitrag erwähnten schwierigkeiten mit der unterkunft hat er nairobi wohl auch verlassen, weil seine schwangere frau mit den drei kindern dort nicht bleiben wollte. sie hat die meiste zeit in kampala gelebt und hat dort verwandte (anders als in nairobi, wo sie die meiste zeit in der wohnung bleiben musste, während jon pen versuchte, eine zukunftsperspektive zu finden). verständlicherweise hat seine frau große einwände gegen jon pens politischen aktivismus, der seine sicherheit immer wieder bedroht.

john penn de ngong 1992

jon pen ist ein lost boy, einer von 20.000 dinka und nuer kindern, die während des zweiten sudanesischen bürgerkriegs verwaist oder von ihren familien getrennt wurden. mit neun jahren schloss er sich der rebellenarmee SPLA an, die als partei SPLM die jetzige regierung des südsudan stellt. sein vater wurde im zuge der spaltung der SPLA getötet, seine mutter und seine geschwister sah er erst viele jahre später wieder. jon pen ist traumatisiert, wie vermutlich die mehrheit der bevölkerung des südsudan nach jahrzehnten des bürgerkriegs.
nach etlichen jahren im busch, wo er neben kampftraining und feldarbeit auch von den kämpfern provisorisch unterrichtet wurde, lebt jon pen in mehreren flüchtlingscamps, die immer wieder ziel von übergriffen z.b. der LRA werden. immerhin kann er zur schule gehen, gewinnt einen aufsatz-wettbewerb und kann schließlich mit dem preisgeld an der makerere university in kampala sein englisch- und literaturstudium beginnen und als journalist arbeiten. finanzielle schwierigkeiten seine sicherheitssituation und politische schwierigkeiten unterbrechen immer wieder seine berufslaufbahn. immer wieder wird jon pen aus unterschiedlichen gründen opfer von gewalt. er wird von kriminellen entführt und für mehrere tage festgehalten, bis einer der entführer ihn nach internen streitereien freilässt. er wird auf dem campus der universität von einem unbekannten mit einem messer attakiert.

morddrohung  (juba, 2013)

und schließlich erhält er die todesdrohung in einem versteck in juba: ein hundeschädel mit einer patrone und ein zettel, der ihn zum sofortigen stopp seiner aktivitäten auffordert, wenn er nicht dem schicksal des ermordeten journalisten isaiah abraham folgen wolle.

man kann jon pens enttäuschung über die männer, unter denen er als kindersoldat für einen unabhängigen südsudan gekämpft hat, und die nun in seinen augen dieselben methoden der unterdrückung anwenden wie die ehemaligen feinde im norden, nur ahnen. seine hoffnung, so sagt er, besteht einzig in der kraft der zeit. das zunehmende alter der ehemaligen rebellen und jetzigen politiker wird sie früher oder später von ihren positionen verdrängen und endlich einen freien und offenen staat möglich machen.

on the run

john penn de ngong schreibt auf seinem blog mit dem schönen titel weakleaks! über sich: with evidences to tell and products to show, i am a free freedom fighter and a freelance writer, a journalist and a columnist, a teacher and a preacher, an artist and an artiste, an actor and a director, an essayist and a poet, etc.; and (don’t give up yet) above all, a brother and a father in a nuclear family.

diese selbstbewusste selbstbeschreibung ist aber nicht das einzige, was jon pen (wie er sich abkürzt) außergewöhnlich macht – you-nique, wie er es ausdrücken würde. auf seinem sprachspielerischen blog berichtet er noch mehr: er hat für die unabhängigkeit des südsudan gekämpft, nach dem friedensabkommen versucht, ein jugendmagazin in juba zu etablieren (das ihm von einem windigen koreanischen ex-general abgenommen und zu einem businessblatt umfunktioniert wurde) und musste im januar wegen massiver todesdrohungen in zusammenhang mit der trauerfeier für den ermordeten journalisten isaiah abraham und einem geplanten friedensmarsch für die jugend des unruhigen jonglei state sein heimatland richtung kenia verlassen.
nairobi
wir verabredeten uns also in nairobi, um über sein leben, seine arbeit und mein stück zu sprechen. am morgen meines abflugs (freitag, der 13.!) schrieb mir jon pen, er habe nairobi verlassen müssen. eine verwandte aus dem südsudan hatte ihm ihre unterkunft in nairobi zur verfügung gestellt. offenbar wurde aber druck auf sie ausgeübt, weil sie mit jon pen einen dissidenten beherbergt. letzte woche bat sie ihn schließlich, aus ihrer wohnung auszuziehen.
nun bin ich in nairobi und jon pen ist es nicht mehr. ich habe den heutigen tag im wesentlichen damit verbracht, nach flügen nach entebbe/kampala zu suchen. wenn alles gut geht, treffe ich jon pen morgen zu einem interview in kampala (uganda). was für mich ein (etwas kostspieliges) städte-hopping ist, ist für ihn eine flucht und eine suche nach einem sicheren ort.

take off

egypt air.jpggruß aus dem flugzeug. fliege mit egypt air. in einem glaskasten im flugzeug befindet sich ein koran. dann wird auch an einem freitag, den 13. nichts schiefgehen. so gott will. gelassene stimmung unter den fluggästen, von denen die meisten in ihr im umbruch befindliches land zurückkehren. nun wird noch eine sure gesprochen, gefolgt von der bitte, die mobiltelefone auszuschalten.

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